US-KI-Aktien fallen: Märkte warten auf Fed-Signale
Über Nacht wachten die Anleger auf und stellten fest, dass alle US-Aktien, die im Zuge der KI-Erzählung Finanzierungen aufgenommen oder Preise erhöht hatten, weiterhin Kurskorrekturen erleiden.
Ob Nvidia, das kürzlich die Preise für Server mit KI-Chips um mehr als 15 % angehoben hat, oder Alibaba, das gerade eine Kapitalerhöhung zur Finanzierung der KI-Infrastruktur vorbereitet – alle, die im Namen der KI-Erzählung Preise erhöhen oder Kapital aufnehmen, erleben anhaltende Korrekturen.
Am Ende des gestrigen US-Handelstages fiel Nvidia um 3 % und verzeichnete damit den siebten Handelstag in Folge mit Verlusten – die längste Verlustserie seit 2022. Auch die Speicherchip- und optischen Kommunikationswerte, die zuvor bei jeder KI-Handelsgeschichte ungebremst gestiegen waren, erlitten gestern erneut Rückschläge. SanDisk fiel um 6,45 %, Micron um 5,83 % und SK Hynix um 5 %.
Um zu verstehen, wie der Markt derzeit zur KI-Erzählung steht, ist Alibabas jüngste Erfahrung der beste Ausgangspunkt.
1. Alibaba nimmt 80 Mrd. HK$ für KI auf – Aktie stürzt um 10 % ab
Alibaba kündigte eine geplante Platzierung neuer Aktien in Hongkong an, um insgesamt 80 Mrd. HK$ (ca. 10,2 Mrd. US$) für die KI-Infrastruktur aufzunehmen – die erste Aktienplatzierung seit dem Börsengang in Hongkong 2019, bei der alles auf KI gesetzt wird.
Vor einem halben Jahr wäre dies ein Kurstreiber gewesen. Doch die Realität: Die Aktie stürzte in Hongkong um 10 % ab. In der Krise griff das Management ein: Chairman Joe Tsai und CEO Eddie Wu kauften zusammen eigene Aktien im Gesamtwert von rund 120 Mio. HK$, um die Lage zu stabilisieren und einen weiteren Kursverfall der US-notierten Aktie zu verhindern.
Dass die Chefs persönlich Geld in die Hand nehmen, um den Kurs zu stützen, spricht Bände.
2. Der Marktgeschmack hat sich grundlegend geändert
Wie sah der KI-Handel im ersten Halbjahr aus? Kein Blick auf Gewinne oder Cashflow, nur auf die große Vision und die Fantasie. Solange die Geschichte sexy genug war, gab es Geld für jede Bewertung.
Jetzt kauft niemand mehr diese Spielweise. Der Markt verlangt jetzt: Umsatz, Cashflow, und die Unternehmen müssen Dividenden zahlen und Aktienrückkäufe durchführen. Als Alibaba die 80-Mrd.-HK$-Platzierung ankündigte, war die erste Reaktion der Anleger nicht „KI-Infrastruktur hat großes Potenzial“, sondern „schon wieder eine Verwässerung meiner Anteile“.
Nvidia ist die andere Seite derselben Medaille. Eine Preiserhöhung von über 15 % bei Servern wurde früher als stärkstes bullishes Signal für die Lieferkette interpretiert – wenn der Upstream die Preise erhöht, ist die Nachfrage stark, und Speicher profitieren mit. Doch jetzt löst diese Nachricht gleich zwei Ängste aus: Downstream-Kunden sorgen sich um außer Kontrolle geratene KI-Hardwarekosten und den Druck auf die Kapitalrendite; Upstream-Aktionäre fragen sich, ob das Unternehmen nur an Expansion denkt und Dividenden völlig außer Acht lässt.
Dieselbe Maßnahme war vor einem halben Jahr positiv und ist heute negativ. Geändert haben sich die Regeln, die der Markt für die KI-Erzählung aufgestellt hat.
3. US-Finanzministerium versucht erneut zu stützen – Markt bleibt skeptisch
Neben der schwächelnden KI-Erzählung belastet der makroökonomische Druck durch US-Staatsanleihen weiterhin den Gesamtmarkt.
Gestern Abend unternahm das US-Finanzministerium einen weiteren Rettungsversuch: Beamte erklärten, man wolle das TGA-Konto – das „Girokonto“ des Finanzministeriums bei der Federal Reserve mit fast einer Billion US-Dollar – nutzen, um direkt langfristige Staatsanleihen zu kaufen und die Renditen zu drücken.
Das klingt beeindruckend, aber der Markt weiß genau: Dieses Geld kann nicht vollständig für Anleihekäufe verwendet werden, da laufende Staatsausgaben und fällige Schulden daraus bedient werden müssen. Der tatsächlich verfügbare Betrag ist weit weniger spektakulär. Die Reaktion war entsprechend verhalten: Die Renditen fielen kurz, erholten sich aber schnell wieder, und die 30-jährige Rendite blieb unverändert bei rund 5,246 %.
4. Alle Augen richten sich auf Warsh am Freitag
Da fiskalische Maßnahmen wiederholt wirkungslos blieben, richtet sich die Aufmerksamkeit des Marktes nun vollständig auf die Federal Reserve.
Am Freitag wird Fed-Chef Warsh auf dem Jackson Hole Economic Policy Symposium sprechen. Dies dürfte die am meisten beachtete Zentralbankrede des Jahres werden: Seit seinem Amtsantritt im Mai dieses Jahres hat Warsh dem Markt kaum Forward Guidance gegeben. Jedes Wort, das er sagt und wie er es sagt, wird seziert werden.
Die einzige Frage, die der Markt am dringendsten beantwortet haben will: Wie gedenkt die Fed angesichts der hartnäckig über dem 2-%-Ziel liegenden Inflation und der sich verschlechternden Haushaltslage zu handeln?
Finanzminister Bessent kann schließlich nur technische Maßnahmen wie die Anpassung der Laufzeitstruktur ergreifen; nur die Fed kann die Inflationserwartungen wirklich verankern. Bis Freitag dürfte der Markt in nervöser Seitwärtsbewegung verharren.
5. Fazit
Betrachtet man die jüngsten Kursbewegungen im Zusammenhang, wird deutlich, dass der Markt gleichzeitig zwei „Neubewertungen des Vertrauens“ durchläuft.
Die eine betrifft die KI-Erzählung: vom Geschichtenerzählen und Träumen von Bewertungen hin zum Blick in die Bücher und zur Forderung nach Cashflow. Der Ausverkauf bei Alibabas Aktienplatzierung und die Panik trotz Nvidias Preiserhöhung sind im Kern dieselbe Prüfung: Zeigt uns die Rendite der KI-Investitionen. Diese Neubewertung wird nicht in ein oder zwei Tagen abgeschlossen sein; heftige Schwankungen in beliebten Sektoren dürften vorerst die Norm bleiben.
Die andere betrifft die US-Finanzen: Das Finanzministerium hat zweimal eingegriffen, und der Markt hat zweimal kalt reagiert. Technische Rückkäufe und TGA-Ankündigungen können die Renditen nicht drücken, die von Inflation, Defizit und Emissionsvolumen gemeinsam in die Höhe getrieben werden. Die verfügbaren Instrumente werden weniger, und die Geduld des Marktes schwindet.
Der Schnittpunkt beider Neubewertungen ist das Jackson-Hole-Symposium am Freitag. Ein Satz von Warsh könnte gleichzeitig den Bewertungsanker für KI-Aktien und das Renditeniveau für US-Staatsanleihen bestimmen.
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