Nvidia-Management erklärt: Woher kommt die markterschütternde 70%-Umsatzprognose?
wallstreetcnNvidia hat dem Markt ungewöhnlicherweise eine mehrjährige Umsatzprognose gegeben, was sofort breite Aufmerksamkeit erregte.
Laut einem am 2. September veröffentlichten Bericht von J.P. Morgan basiert dieser Rahmen von 70 % Wachstum im Jahresvergleich nach einem kürzlichen Austausch mit Toshiya Hari, Nvidias Vice President für Investor Relations und strategische Finanzen, nicht auf einem einzelnen Treiber, sondern auf einer umfassenden Beschleunigung der Nachfrage von Hyperscale-Cloud-Anbietern, aufstrebenden Cloud-Service-Providern, KI-Laboren, souveräner KI und Unternehmenskunden. Noch wichtiger: Das Management stellte klar, dass das Geschäftswachstum ohne Angebotsengpässe sogar doppelt so hoch sein könnte – die derzeitige Wachstumsbremse ist das Angebot, nicht die Nachfrage.
Der unmittelbare Grund für Nvidias proaktive Veröffentlichung der vorausschauenden Prognose für das Geschäftsjahr 2028 liegt darin, die deutliche Kluft zwischen dem Marktkonsens und der internen Einschätzung des Unternehmens zu überbrücken. Das Management ist der Ansicht, dass ein Fortbestehen dieser Kluft die Planung der Partner in der Lieferkette erheblich erschweren könnte. Diese Aussage bedeutet, dass das 70%-Wachstumsziel aus Sicht des Managements eine gut abgesicherte „Komfortzone“ und keine aggressive Prognose ist; das implizite Aufwärtspotenzial liegt weit über der aktuellen Marktbewertung.
Gleichzeitig sendet Nvidia in mehreren Dimensionen wichtige Signale – Kundenstruktur, Anteil des Inferenzgeschäfts, Angebotsengpässe und Finanzierungsvereinbarungen – und zeichnet so das mittelfristige Wachstumsbild des KI-Chipriesen weiter. J.P. Morgan bekräftigt seine Overweight-Einstufung für Nvidia mit einem Kursziel von 320 US-Dollar, was gegenüber dem aktuellen Kurs von 224,41 US-Dollar (Schlusskurs am 2. September) ein Aufwärtspotenzial von rund 43 % impliziert.
Angebot, nicht Nachfrage, ist die eigentliche Wachstumsgrenze
Dem Bericht zufolge stellte J.P. Morgan im Austausch mit Toshiya Hari, Nvidias Vice President für Investor Relations und strategische Finanzen, fest, dass das Nvidia-Management deutliches Vertrauen in den 70%-Wachstumsrahmen zeigt, zugleich aber dessen Grenzen absteckt: Es handelt sich um eine angebots- und nicht nachfragebeschränkte Zahl.
Laut dem J.P.-Morgan-Bericht wies Toshiya Hari im Gespräch darauf hin, dass Nvidias Geschäftswachstum ohne Angebotsbeschränkungen mehr als doppelt so hoch im Jahresvergleich ausfallen könnte. Diese Aussage offenbart unmittelbar den konservativen Charakter der aktuellen Prognose – 70 % sind die Erwartung unter realistischen Angebotsbedingungen und nicht die Obergrenze der erreichbaren Nachfrage.
Das Management erläuterte zudem, dass die Entscheidung für eine mehrjährige Prognose teilweise auf eine „bedeutende Lücke“ zwischen Marktkonsens und internen Beobachtungen zurückgeht. Ohne proaktive Offenlegung könnte diese Informationsasymmetrie zu Fehlallokationen bei der Kapazitätsplanung der Lieferkettenpartner führen und damit wiederum Nvidias eigene Lieferfähigkeit einschränken. Mit anderen Worten: Diese vorausschauende Prognose ist sowohl ein Signal an die Investoren als auch ein aktives Management des Lieferketten-Ökosystems.
Fortschrittliche Wafer und Speicher: die beiden zentralen Engpässe der Lieferkette
Bei der konkreten Zusammensetzung der Angebotsengpässe nannte Toshiya Hari zwei kritischste Materialien: fortschrittliche Wafer und Speicher, und bezeichnete sie als die beiden gewichtigsten Posten in Nvidias Stückliste (BOM).
Laut dem J.P.-Morgan-Bericht steht Nvidia derzeit in intensivem Austausch mit TSMC sowie drei Speicherlieferanten – Micron, SK Hynix und Samsung –, wobei sich die Kernthemen alle um die Verbesserung der Lieferverfügbarkeit drehen.
Die Bank ist der Ansicht, dass Toshiya Haris Aussagen zeigen, dass Nvidias Lieferkettenmanagement in eine Phase intensiver aktiver Koordination eingetreten ist, statt passiv auf Kapazitätsfreigaben zu warten. Das Tempo, mit dem diese Engpässe gelindert werden, wird unmittelbar darüber entscheiden, ob Nvidia im Geschäftsjahr 2028 ein Wachstum über der 70%-Basis erreichen kann. Der Spielraum für Verbesserungen in der Lieferkette ist zugleich der Spielraum für die Ergebniselastizität.
Inferenzanteil wächst weiter, aber Plattform-Universalität erschwert Quantifizierung
Die Umsatzstruktur zwischen Inferenz und Training ist ein Thema, das der Markt seit langem beobachtet. Toshiya Hari gab im Gespräch die bislang klarste richtungsweisende Einschätzung: Vor etwa 18 Monaten hielten sich Training und Inferenz beim Umsatzanteil ungefähr die Waage; inzwischen übertrifft Inferenz das Training, und dieser Trend dürfte anhalten.
Dem Bericht zufolge wies das Management jedoch gleichzeitig darauf hin, dass eine präzise Quantifizierung der Aufteilung zwischen beiden inhärent schwierig ist. Grund dafür ist die hohe Universalität (Fungibilität) der Nvidia-Plattform – am Beispiel von Grace-Blackwell-Produkten können Kunden dieselbe Hardware zunächst für Trainings-Workloads nutzen und später für Inferenzaufgaben umwidmen. Diese Flexibilität ist Ausdruck der Wettbewerbsstärke der Nvidia-Plattform, schränkt aber externe Analysen zur Aufschlüsselung der Umsatzstruktur ein.
Kundenstruktur diversifiziert sich weiter, aufstrebende Cloud-Anbieter tragen über die Hälfte bei
Nvidias Umsatzquellen weiten sich von Hyperscale-Cloud-Anbietern auf ein breiteres Ökosystem aus. Laut Toshiya Hari entfallen auf OpenAI und Anthropic, die beiden führenden Entwickler von Frontier-Modellen, derzeit gemessen am Endverbrauch rund 20 % des Nvidia-Geschäfts; bis zum Geschäftsjahr 2028 dürfte dieser Anteil auf etwa 25 % steigen.
Bemerkenswert ist, dass diese Zahlen den Anteil auf Endverbraucherebene widerspiegeln und nicht Nvidias direkte Kundenstruktur – Nvidia verkauft Rechenleistung in der Regel an Hyperscale-Cloud-Anbieter oder aufstrebende Cloud-Service-Provider, die ihrerseits Rechenkapazität an Modellentwickler weiterverkaufen.
Auf Ebene der direkten Kunden ist der Beitrag der aufstrebenden Cloud-Service-Provider (Neoclouds) bereits nicht mehr zu übersehen. Laut dem J.P.-Morgan-Bericht machen Neoclouds derzeit über 50 % von Nvidias ACIE-Geschäft (Accelerated Computing and AI Infrastructure Ecosystem) aus, was zeigt, dass Nvidias Wachstumsmotor nicht mehr allein von wenigen führenden Cloud-Anbietern abhängt, sondern von einem breiteren Ökosystem aus Rechenleistungsaufbau und -vermietung getragen wird.
Open Source vs. Closed Source: Nvidias Antwort lautet „beides ist nötig“
Zur Marktdebatte über die Vor- und Nachteile von Open-Source- und Closed-Source-LLMs (Large Language Models) bezog das Nvidia-Management klar Stellung: Beides steht nicht in einem Entweder-oder-Wettbewerb; die kontinuierliche Weiterentwicklung der KI erfordert das synergetische Zusammenspiel von Open-Source- und Closed-Source-Modellen.
Toshiya Hari erklärte, dass Nvidia intern in großem Umfang Closed-Source-Modelle wie OpenAI und Claude nutzt, während in kritischen Aufgabenszenarien wie dem Chipdesign eine Kombination aus Closed-Source- und Open-Source-Modellen zum Einsatz kommt. Die Kernlogik des Managements: Solange Modellentwickler kommerzialisieren und ihre Wirtschaftlichkeit kontinuierlich verbessern können, wird die Nachfrage weiterhin an Chiphersteller wie Nvidia durchgereicht.
Darüber hinaus erwähnte das Management, dass sich die Bruttomargen (GM) der Modellentwickler offenbar verbessern, was teilweise auf die von der Nvidia-Plattform vorangetriebenen generationsübergreifenden Kostensenkungen pro Token zurückzuführen ist. Die verbesserte Wirtschaftlichkeit der Modelle bildet eine positive Rückkopplungsschleife für die Nachfrage nach Nvidia-Chips.
Finanzierungsvereinbarungen sollen Vorwärtsnachfrage absichern, Management weist „Kreisfinanzierung“-Vorwürfe zurück
Die jüngsten Finanzierungsvereinbarungen von Nvidia haben Marktaufmerksamkeit erregt; das Management erläuterte sie in diesem Austausch systematisch.
Laut dem J.P.-Morgan-Bericht umfassen die Vereinbarungen: Umsatzbeteiligungsverträge mit einigen Neoclouds, den PORTS-Pike-Rechenzentrumscampus sowie eine gemeinsam mit Apollo, BlackRock, Blackstone, Brookfield, Goldman Sachs, KKR und anderen Institutionen aufgebaute private Kapitalfinanzierungsplattform im Volumen von 500 Milliarden US-Dollar.
Bei den Umsatzbeteiligungsverträgen funktioniert Nvidias Mechanismus so: Es wird eine Preisuntergrenze für die Vermietung von Rechenleistung festgelegt, und bei Marktmietpreisen oberhalb der Benchmark partizipiert Nvidia am Aufwärtspotenzial. Dadurch entsteht über den reinen Hardwareverkauf hinaus eine wiederkehrende Ertragsoption.
Auf Bedenken hinsichtlich einer „Kreisfinanzierung“ entgegnete das Management ausdrücklich, dass die betreffenden Finanzierungsvereinbarungen moderat dimensioniert und mit Obergrenzen versehen sind und durch eine starke zugrunde liegende Nachfrage, Ökosystemrenditen sowie die Bonität der letztlichen Rechenleistungskäufer abgesichert werden. Nvidia positioniert diese Finanzierungsinstrumente als Mittel zur Unterstützung der Vorwärtsnachfrage nach KI-Infrastruktur und nicht als finanzielle Hebeloperation.
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