70 % der US-Aktien weisen Anzeichen eines Bärenmarktes auf; sollten Sie verkaufen?

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Zusammenfassen

 

Die Bank of America warnte vor zu vielen Risikosignalen am US-Aktienmarkt und riet Anlegern, Gewinne mitzunehmen und Risiken zu kontrollieren.

Führende KI-Unternehmen werden zwar weiterhin durch Einnahmen und Investitionen gestützt, doch der Markt hat einen Großteil des zukünftigen Wachstums bereits eingepreist.

• Verwandte Aktien: SPY, QQQ, NVDA, MSFT, GOOGL, AMZN, META, AVGO, AMD, SOXX.

 

US-Aktienanleger stehen nun vor einem Problem, das weit über die einfache Einteilung in optimistisch oder pessimistisch hinausgeht.

 

Auf der einen Seite steht das US-Aktien- und Quantitative-Strategy-Team der Bank of America. Unter der Leitung von Savita Subramanian veröffentlichte das Team am 5. Juni einen Kundenbericht mit dem Titel „Zu viele Warnsignale. Gewinne mitnehmen.“ Laut einem Bericht von Axios vom 9. Juni argumentiert der Bericht, dass es bereits zu viele Risikosignale am US-Aktienmarkt gebe und bietet eine direktere Positionsempfehlung: Gewinne mitnehmen.

 

Andererseits sind die Grundlagen der KI weiterhin stark. Microsoft, Google, Amazon und Meta erhöhen ihre Investitionen in KI und Rechenzentren, und die Nachfrage nach Nvidias Rechenzentren bleibt ein zentraler Faktor im Halbleiterzyklus. Anders als die Dotcom-Blase im Jahr 2000 wird diese Wachstumsphase von einer Gruppe von Giganten mit starkem Cashflow, hohen Gewinnen, Cloud-Umsätzen und hohen Chip-Aufträgen angeführt.

 

Die eigentliche Frage hat sich daher von „Ist KI eine Blase?“ oder „Spricht die Bank of America von einem Höhepunkt?“ zu einer anderen, schwierigeren Frage verschoben: Wie sollten Anleger die aktuellen Risiken am US-Aktienmarkt interpretieren, wenn historische Höhepunkte und reales KI-Wachstum gleichzeitig auftreten?

 

Die Antwort könnte sogar noch schmerzhafter sein als eine einfache pessimistische Haltung: Der KI-Bullenmarkt ist möglicherweise noch nicht vorbei, aber er hat sich von der Phase des „Kaufs von Wachstum“ zur Phase des „Testens der Geschwindigkeit, mit der Wachstum realisiert wird“ weiterentwickelt.

 

Die Bank of America warnt vor sich verschlechternden Erfolgsaussichten.

 

Der Wert des Berichts der Bank of America liegt darin, den aktuellen Markt in einen historischen Risikorahmen einzuordnen, anstatt einen genauen Zeitpunkt für den Höhepunkt anzugeben.

 

Laut einem von mehreren Finanzmedien zitierten Bericht der Bank of America sind etwa 70 % der zehn von ihr erfassten Warnsignale für einen Bärenmarkt eingetreten. Dieser Prozentsatz entspricht in etwa dem Durchschnittswert, der vor mehreren Höchstständen des S&P 500 seit 1990 beobachtet wurde. Das Bewertungsmodell der Bank of America zeigt zudem, dass der S&P 500 in 17 von 20 Bewertungskennzahlen statistisch überbewertet ist, wobei acht davon den Höchststand der Dotcom-Blase im Jahr 2000 übertreffen. Das CAPE (zyklisch bereinigtes Kurs-Gewinn-Verhältnis) bzw. KGV10 liegt bei rund 40 und damit in einem historisch hohen Bereich.

 

Diese Zahlen lassen sich einzeln betrachtet allesamt widerlegen. Hohe Bewertungen garantieren keinen Kurssturz. Historisch gültige Signale sind nicht immer zutreffend. KI-Unternehmen sind zwar tatsächlich profitabler, wodurch sich die heutige Situation von der im Jahr 2000 unterscheidet. Wenn jedoch Bewertungen, Marktbreite, Stildivergenz und Momentum gleichzeitig extreme Werte erreichen, lautet die Botschaft der Bank of America eher: Der Markt ist zwar noch wettbewerbsfähig, aber die Chancen haben sich verschlechtert.

 

Die Marktbreite ist hier entscheidend. Obwohl der Index weiterhin hoch steht, hängen die Gewinne zunehmend von wenigen KI- und Technologieführern ab. Der aktuelle US-Aktienmarkt weist ein ähnliches Muster einer geringen Marktführerschaft auf wie in historischen Hochphasen: Wenige Aktien tragen den Großteil der Indexgewinne bei, der Anteil der S&P-500-Komponenten über wichtigen gleitenden Durchschnitten sinkt, und viele Einzelaktien notieren weit unter ihren Höchstständen. Diese Stärke des Index verschleiert einen Rückgang der internen Beteiligung.

 

Stilabweichungen verstärken dieses Signal. Die Bank of America stellte fest, dass die mittlere Renditedifferenz zwischen den besten und schlechtesten 20 Prozentpunkten im Technologiesektor bei etwa 120 Prozentpunkten liegt – dem höchsten Wert seit Februar 2000 und fast dem Wert von 130 Prozentpunkten vor dem Höchststand im März 2000. Dies deutet eher auf eine konzentrierte Wette auf wenige bestimmte Trends hin, und die für einen typischen Bullenmarkt typische breite Streuung der Renditen hat nicht stattgefunden.

 

 

Für Anleger, die SPY, QQQ, NVDA oder SOXX halten, liegt die größte Gefahr dieser Indexstruktur in der geringeren Fehlertoleranz. Der Index mag zwar weiter steigen, doch wenn die Gewinne zunehmend von wenigen Aktien abhängen, kann jede Abweichung bei den Gewinnprognosen, der Kapitalrendite oder den Bewertungsannahmen einer führenden Aktie zu einem Kursverlust des gesamten Portfolios führen.

 

Die im Jahr 2000 angewandten Methoden lassen sich diesmal nicht einfach auf die KI übertragen.

 

Betrachtet man nur die Bewertung der Bank of America und die allgemeinen Marktsignale, liegt es nahe, die aktuelle Marktsituation direkt mit der von 2000 zu vergleichen. Doch dieser Vergleich greift nur zur Hälfte.

 

Das prägende Merkmal der Dotcom-Blase im Jahr 2000 war das Fehlen ausgereifter Geschäftsmodelle bei vielen Unternehmen. Investoren spekulierten vor allem auf die Illusion, dass „das Internet die Welt verändern wird“. Die heutigen KI-Marktführer sind anders. Die Cloud- und KI-Geschäfte von Microsoft, Google, Amazon und Meta spiegeln sich bereits in realen Umsätzen, Investitionsplänen und der Nachfrage nach Rechenzentren wider. Nvidia steht nicht nur im Zentrum dieser Entwicklung, sondern ist auch ein Chiphersteller mit hochkonzentrierten Gewinnen und Cashflows.

 

Nvidias jüngster Quartalsbericht bestärkte optimistische Anleger. Der im Mai 2026 veröffentlichte Finanzbericht für das erste Quartal des Geschäftsjahres 2027 wies einen Quartalsumsatz von 81,6 Milliarden US-Dollar und einen Umsatz im Rechenzentrumsbereich von 75,2 Milliarden US-Dollar aus, was einem Anstieg von 92 % gegenüber dem Vorjahr entspricht. Angesichts dieser Zahlen ist die Behauptung, der KI-Marktboom sei lediglich eine „Blase ohne solide Fundamentaldaten“, wenig überzeugend.

 

 

Befürworter künstlicher Intelligenz (KI), darunter Führungskräfte großer Technologieunternehmen und Wachstumsinvestoren, widerlegen die Theorie einer Spekulationsblase genau aus diesem Grund. Sie glauben, dass dieser Aufschwung eher einem Infrastrukturzyklus gleicht: Die Nachfrage nach Training und Inferenz treibt den Bau von GPUs, Netzwerken, Speichern, Strom und Rechenzentren voran; Cloud-Anbieter investieren höhere Summen in zukünftige Einnahmen aus KI-Dienstleistungen; und Unternehmen integrieren KI schließlich in Software, Werbung, Suche, Büroprozesse und Entwicklungsprozesse.

 

Dieses Rahmenwerk basiert auf Fakten. In den vergangenen Berichtssaisons haben große Cloud-Anbieter immer wieder die starke Nachfrage nach KI und das nachhaltige Wachstum ihrer Cloud-Geschäfte hervorgehoben. Nvidias Rechenzentrumsumsätze haben sich zu einer tragenden Säule des Gewinnwachstums am US-Aktienmarkt entwickelt. Auch Broadcom, AMD, Rechenzentrumsbetreiber und Unternehmen der Energieinfrastruktur sind Teil dieser Investitionskette. Der Markt ist bereit, diesen Unternehmen höhere Bewertungen zu geben, nicht nur weil die Story vielversprechend klingt, sondern auch weil sich Aufträge, Umsätze und Gewinne tatsächlich realisieren.

 

Deshalb darf das Signal der Bank of America nicht vorschnell als „Ende des KI-Bullenmarktes“ interpretiert werden. Sollten sich die zugrunde liegenden Fundamentaldaten weiter verbessern, könnte der Aufwärtstrend bei den Bewertungen länger anhalten als bisher beobachtet. Gerade in einem Markt, in dem passive Fonds, Indexgewichtung und institutionelle Allokationen die führenden Positionen stärken, ist die fortgesetzte Festigung der etablierten Unternehmen selbst Teil des Kapitalflussmechanismus.

 

Die Realität der KI bedeutet jedoch nicht automatisch eine sichere Bewertung. Ein weit verbreiteter Irrglaube ist, dass der Preis niedrig sei, solange die technologische Revolution real ist. Historisch gesehen entstanden viele Spekulationsblasen genau durch die verfrühte und überhöhte Bewertung echter Technologien. Das Internet hat die Welt zweifellos verändert, doch Anleger, die im Jahr 2000 viele Internetaktien kauften, erlebten dennoch eine lange Phase fallender Bewertungen.

 

Die zentrale Streitfrage auf dem aktuellen KI-Markt verschiebt sich von „Ist KI nützlich?“ zu „Für wie viele Jahre hat der Markt bereits eingepreist?“ Die historischen Signale der Bank of America sind gerade deshalb wichtig, weil sie die Anleger daran erinnern, dass selbst bei soliden Fundamentaldaten das Risiko steigt, wenn die Preise bereits zu viele positive Nachrichten für die Zukunft eingepreist haben.

 

Der Druck verlagert sich auf Umsatz und Cashflow.

 

Der KI-Bullenmarkt ist in seine schwierigste Phase eingetreten, nicht etwa weil die Nachfrage plötzlich nachgelassen hätte. Der eigentliche Wandel besteht darin, dass der Markt nun mehr Beweise verlangt.

 

In den vergangenen zwei Jahren waren Investoren bereit, hohe Bewertungen für KI-Marktführer zu zahlen, da der Wachstumspfad klar schien: Cloud-Anbieter erhöhten ihre Investitionen, Chiphersteller verkauften mehr High-End-GPUs, Unternehmen für Rechenzentrums- und Netzwerkausrüstung sicherten sich Aufträge, und Unternehmensanwendungen würden künftig noch höhere Umsätze generieren. Mit Blick auf das Jahr 2026 muss der Markt nicht nur die Fortsetzung der Investitionen sehen, sondern auch, ob diese Investitionen zu ausreichend hohen Umsätzen, Gewinnmargen und einem entsprechenden freien Cashflow führen.

 

Die Investitionsausgaben sind der Kernpunkt dieser Problematik. Microsoft, Google, Amazon und Meta erhöhen ihre Investitionen in KI und Rechenzentren kontinuierlich und verfolgen dabei eine im Allgemeinen klare Strategie. Allerdings gehen die Einschätzungen verschiedener Institutionen und Medien hinsichtlich des konkreten Umfangs dieser Investitionen weit auseinander. Noch wichtiger ist, dass Investoren zunehmend die Belastung des freien Cashflows und der Kapitalrendite durch höhere Investitionsausgaben befürchten. Es ist zwar nicht korrekt zu sagen, dass KI-Investitionen unwiederbringlich verloren sind, doch mit steigenden Investitionsausgaben werden auch die Renditeerwartungen des Marktes steigen.

 

Für Microsoft, Google, Amazon und Meta ist die kontinuierliche Steigerung der Investitionen in KI strategisch unerlässlich. Wer hier aufhört, riskiert, in Bereichen wie Cloud, Suche, Werbung, Office-Anwendungen, Modellierung und dem Entwickler-Ökosystem ins Hintertreffen zu geraten. Aus Aktionärssicht bedeuten höhere Investitionen jedoch, dass künftige Finanzberichte nachweisen müssen, dass sich diese Investitionen in höhere Umsätze, stabile Gewinnmargen und einen soliden Cashflow niederschlagen.

 

Die Logik ist für die Halbleiterlieferkette, repräsentiert durch Nvidia, Broadcom, AMD und SOXX, etwas anders. Sie profitieren direkt vom KI-Investitionszyklus, da Aufträge und Gewinne früher realisiert werden. Da der Markt sie jedoch bereits als die Hauptgewinner des KI-Infrastrukturzyklus betrachtet, werden die Bewertungen der Halbleiterunternehmen als erste reagieren, wenn nachgelagerte Cloud-Anbieter ihre Investitionen reduzieren, Beschaffungen verschieben oder verstärkt auf Investitionsdisziplin setzen.

 

Dadurch entsteht ein fragilerer Rückkopplungsmechanismus. Cloud-Giganten erhöhen ihre Investitionen und stützen so die Umsätze der Chiphersteller. Das starke Wachstum der Chipunternehmen wiederum führt zu Indexanstiegen. Indexanstiege und positive Gewinnrevisionen stärken das Marktvertrauen in den langfristigen KI-Zyklus zusätzlich. Sollte sich ein Glied dieser Kette verlangsamen, steht der Markt möglicherweise nicht vor dem „Ende der KI“, sondern vielmehr vor der Notwendigkeit, die Bewertungen an das Tempo der Realisierung anzupassen.

 

 

Im Finanzbericht für das zweite Halbjahr muss nachgewiesen werden, dass die Risiken durch Wachstum gedeckt werden können.

 

Das von der Bank of America prognostizierte Bärenmarktsignal von 70 % wird nicht automatisch zu einem Markthoch führen, und die starken Gewinnberichte führender KI-Unternehmen werden Bewertungsrisiken nicht automatisch beseitigen. Entscheidend ist nun, ob nachhaltiges Wachstum diese Risikosignale hinsichtlich Bewertung und Marktstruktur ausgleichen kann.

 

Die Finanzberichte für das zweite Halbjahr 2026 bieten den direktesten Einblick. Investoren erwarten ein anhaltendes Umsatzwachstum im Bereich KI bei großen Technologieunternehmen, ohne dass die Gewinnmargen durch Investitionsausgaben und Abschreibungen wesentlich beeinträchtigt werden. Cloud-Anbieter müssen neben ihren Investitionen auch eine ausreichende Kundennachfrage nachweisen. Aufträge und Prognosen von Halbleiterherstellern wie Nvidia, Broadcom und AMD werden zeigen, ob sich das Investitionstempo in nachgelagerte Bereiche verlangsamt hat.

 

Eine weitere Variable ist die Marktbreite. Erreichen der S&P 500 und der Nasdaq weiterhin neue Höchststände, beteiligen sich aber immer weniger Aktien an der Rallye und übertreffen Aktien mit hohem KGV systematisch Aktien mit niedrigem KGV, wird die von der Bank of America erwähnte historische Topstruktur schwerer zu ignorieren sein. Verteilen sich die Gewinne hingegen auf mehr Sektoren und stützen sich die Indizes nicht mehr ausschließlich auf einige wenige KI-Marktführer, so haben Risikosignale die Chance, sich im Laufe der Zeit und durch die Marktentwicklung allmählich abzuschwächen.

 

Für Privatanleger ist jetzt ein guter Zeitpunkt, ihre Positionen und ihre Portfolioausrichtung zu überprüfen. Aussagen wie „positiv in Bezug auf KI“ oder „peinlich für US-Aktien“ lösen das Problem nicht. KI mag zwar in den nächsten Jahren das wichtigste Anlagethema bleiben, doch da Bewertungen, Marktbreite und Investitionsdruck gleichzeitig steigen, hat sich das Festhalten an KI von einer frühen Trendfindung zu einer Wette auf die Geschwindigkeit der Marktrealisierung entwickelt.

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